Michael Wassenberg: »Mein Foto-Blog«

12. Juli 2009

Das Sommer-Jazz-Fest mit Eisenrot

Das Hamburger Doppel-Trio Eisenrot spielte als dritte Band beim Sommer-Jazz-Fest der Kultur-Bühne Bugenhagen.
Ja, das ist Musik nach meinem Geschmack. Was die sechs Musiker auf der Bühne leisten, ist mehrfach beeindruckend:
die Komplexität, Stringenz und Dynamik in den Kompositionen und die Wucht und das Überraschungsmoment der
Improvisationen verschmelzen hier auf wunderbare Weise. Gewaltige Sound-Explosionen und archaische Rhythmen
finden sich ebenso wie lyrische Motive. Das Sextett zitiert und atmet den Geist der Gründerväter des Free-Jazz und
dennoch gelingt es ihm, etwas Neues zu schaffen.

Versuch einer Typologie der Musiker: in der ersten Reihe – gefährlich nah am Bühnenrand – die beiden Bläser. Ihre
Mimik wirkt ernst und konzentriert, häufig sind die Augen geschlossen. Die Gesten der beiden sind sparsam eingesetzt.
So wie ein Waldarbeiter zur Axt oder ein Chirurg zum Skalpell greifen, so greifen die beiden Musiker – unaffektiert
und unprätentiös – zur Posaune oder zum tibetischen Horn. Heinz Erich Gödecke und Christophe Schweizer machen
dabei einen gänzlich unaufgeregten Eindruck. Den Kontakt zum Publikum suchen sie nicht, die Titel der Musikstücke
werden nicht angesagt. Wer Erklärungen und Anekdoten erwartet, wird enttäuscht. Nein, Entertainer sehen anders aus.
Die beiden meinen es offenbar ernst. Nur gelegentlich glaubt man, ein stilles, innerliches Schmunzeln wahrzunehmen.

In der zweiten Reihe stehen die beiden Bassisten. Ihr Instrument ist weit mehr als ein Werkzeug. Wenn Philipp Steen
und John Hughes die Saiten ihres Instrumentes zupfen, streichen oder schlagen, dann manifestiert sich darin ein
erotisches Verhältnis. Doch wenn die Musiker Hals und Korpus ihres Instruments umklammern und dazu die Lippen
bewegen, dann trägt diese Art der Kommunikation auch subtile selbstironische Züge. Ein wenig Spaß an der Inszenierung
möchte man ihnen nicht absprechen. Dazu passt auch, dass einer von ihnen mit Krawatte die Bühne betrat, während der
andere kurzärmelig erschien.

In der dritten Reihe – und somit für den Fotografen nur schwer erreichbar – verschanzen sich die beiden Schlagwerker.
Dirk Achim Dhonau und Björn Lücker explodieren nahezu vor Spielfreude. Zudem sind sie Meister der Interaktion.
Gelegentlich scheinen sie selbst erstaunt darüber, welche Geräusche sie aus ihren Instrumenten hervorzulocken verstehen.
Der eine wirkt agil und cool, der andere selbstvergessen und experimentierfreudig wie ein Kind. Dirk Achim Dhonau
ist jedoch mehr als ein Perkussionist. Er ist ein Magier und ein Schelm. Und ein Sänger oder ein Stimmenimitator oder
so etwas Ähnliches.

Soweit meine Eindrücke von den Protagonisten der Veranstaltung. Natürlich ist es für mich immer unbefriedigend,
wenn ich zugleich als Musik-Liebhaber und als Fotograf ein solches Konzert besuche. Sich ganz auf die Musik einzulassen,
ist nicht möglich, wenn man stets nach der besten Perspektive und nach dem richtigen Moment für ein Foto sucht.
Wer ISO, Blende und Belichtungszeit vor Augen hat, der hat kaum noch ein Ohr. Wenn er doch nur könnte, würde sich
der Fotograf gern unsichtbar machen, denn auf seine Anwesenheit – das weiß er wohl – würden die anderen zahlenden
Gäste, denen er – gezwungenermaßen – vor der Nase herumturnt, gern verzichten. Und wie die Musiker das unüberhör-
bare Klacken des Kamera-Verschlusses in einer Pianissimo-Passage empfinden, daran darf ich gar nicht denken …

Heinz-Erich Gödecke  und Christophe Schweizer (Posaune, Didjeridoo, tibetisches Horn),
Björn Lücker und Dirk Achim Dhonau (Schlagzeug), John Hughes und Philipp Steen (Bass)

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2 Kommentare »

  1. Das sind doch prima Bilder!
    Und dieser Bericht, da mag man dem Fotografen glatt verzeihen ;=)
    Danke für diese Berichterstattung!
    Connie

    Kommentar von Connie — 13. Juli 2009 @ 15:17 | Antwort

  2. Thanks for taking such great photos!
    John

    Kommentar von John Hughes — 30. November 2009 @ 00:50 | Antwort


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